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FOCUS-SCHULE, Heft-Nr. 05/2007
Zu früh gestartet
Erstklässler werden bei ihrer Einschulung immer jünger. Pädagogen und Wissenschaftler klagen, die Schulen hätten sich auf die Bedürfnisse Fünfjähriger noch nicht eingestellt. Zudem zeigen Studien: Ältere Grundschüler sind klar im Vorteil
Von FOCUS-SCHULE-Redakteurinnen Claudia Jacobs und Nina Meckel
 
 

Fünfjährige können die erste Klasse schaffen. Siebenjährige auch – und zwar deutlich erfolgreicher   
 
 
 
Katharina Schindler ist erst fünf Jahre und bereits eine Trendsetterin. Am 11. September wird die junge Münchnerin zum ersten Mal ihren Ranzen schultern und — flankiert von Großeltern, Mama und Papa — zur Gebele-Grundschule pilgern. Eigentlich könnte Katharina noch ein Jahr lang im Kindergarten spielen, doch das aufgeweckte Mädchen will lieber „ganz schnell richtig lesen lernen“. Die junge Abc-Schützin wird in ihrer Klasse mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit noch auf andere Fünfjährige treffen. Frühstarter unter den Erstklässlern gibt es nämlich immer öfter.
 
Das Heer der Ungeduldigen wächst. Die Zahl derer, die vor der offiziellen Aufforderung in die Schulen drängen, hat sich innerhalb eines Jahrzehnts beinahe verdreifacht: Mitte der neunziger Jahre waren es nur 2,5 Prozent, 2006 lag die Quote der freiwilligen Einsteiger bereits bei 7,3 Prozent. Im Gegenzug lassen immer weniger Eltern ihre Kinder ein Jahr zurückstellen.
 
 
Die Verjüngung der Erstklässler entspricht dem Zeitgeist. 
 
Immer mehr Familien wollen ihren Nachwuchs so früh wie möglich sowohl gefördert als auch gefordert wissen. Das liegt ganz im Sinne des Beschlusses der Kultusministerkonferenz aus dem Jahr 1997, die vorzeitige Einschulung zu erleichtern und die Zurückstellung vom Schulbesuch zu erschweren. Deutschland — jahrelang mit einem durchschnittlichen Einschulungsalter von eher sieben als sechs Jahren im europäischen Vergleich mal wieder unter den Schlusslichtern — wollte Gas geben.
 
Die drei bevölkerungsreichsten Bundesländer Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen, aber auch Berlin ziehen derzeit die Schulpflicht sukzessive um einige Monate vor, damit Grundschulkinder künftig mit fünfeinhalb Jahren in die erste Klasse kommen. Doch auch mit unverändertem Stichtag werden die Schulanfänger in ganz Deutschland immer jünger. Mehrere Bundesländer kennen bereits gar kein Mindestalter für Erstklässler mehr, weshalb dort theoretisch schon pfiffige Vierjährige eingeschult werden dürfen.
 
 
ältere Schüler wechseln öfter auf das Gymnasium
 
Die Vorstellung, dass in der ersten Klasse neben Siebenjährigen auch sehr verspielte Knirpse sitzen, die sich womöglich weder die Schuhe zubinden noch den Popo sauber abwischen können, schreckt nicht nur die betroffenen Grundschullehrerinnen. Auch Wissenschaftler Patrick Puhani vom Institut für Arbeitsökonomik an der Leibniz-Universität Hannover zeigt sich skeptisch. Der Volkswirt hat vor gut anderthalb Jahren eine repräsentative Studie zum Effekt des Einschulungsalters auf die Schülerleistung vorgelegt. Ergebnis: „Kinder, die mit ungefähr sieben Jahren eingeschult werden, sind erfolgreicher.“
 
So schnitten ältere Schüler am Ende ihrer Grundschulzeit bei Tests besser ab und waren ihren jüngeren Klassenkameraden im Leseverständnis „deutlich“ überlegen. Der Reifevorsprung hatte spürbare Konsequenzen: Die älteren Schüler schafften öfter den Sprung aufs Gymnasium.
 
Fünfjährige können schlechter mit neuen Situationen umgehen
 
„Die Großen sind einfach fitter“, bilanziert Puhani. Sie können sich besser konzentrieren und handeln organisierter. Außerdem seien sie eher in der Lage, negative Erfahrungen wegzustecken. Puhani, der seine Resultate auf Informationen über mehr als 180.000 Schüler stützt, fragte zudem 30 Schulleiter, die sein Fazit bestätigen. Jüngere Kinder seien, gemessen an ihren kognitiven Fähigkeiten (erkennen, erinnern, kreativ sein, lernen), oft bereit für die Schule, Defizite lägen häufig im „sozialen Bereich“, sagen die Praktiker. Das heißt, knapp Sechsjährige sind noch nicht so kontaktfähig und können mit neuen Situationen weniger souverän umgehen als ihre älteren Kameraden.
 
Gegen die Tendenz, Kinder grundsätzlich früher einzuschulen, hat Experte Puhani gleichwohl nichts: „Wenn erst mal alle mit fünf in der Schule sitzen, besteht wieder mehr Chancengleichheit.“ Allerdings müssten sich die Schulen auf die Bedürfnisse ihrer jüngeren Klientel einstellen — mit mehr Tobe- und Spielzeiten etwa. Im bestehenden System mache die frühe Einschulung nur Sinn, wenn die Probleme jüngerer Kinder aufgefangen werden könnten.
 
 
Stellen sich die Schulen auf Fünfjährige ein? 
 
Sie fangen erst an. Noch sind so genannte offene Eingangsstufen nicht flächendeckend eingeführt, werden aber immer beliebter. In diesem Modell können Schüler, je nach individuellem Entwicklungsstand, die ersten zwei Klassen in einem variablen Zeitraum von einem Jahr bis zu drei Jahren durchlaufen. Vorbildlich ist in dieser Hinsicht Hessen: In Grundschulen mit Eingangsstufen arbeiten neben Lehrern auch Sozialpädagogen, die schwächeren Kindern helfen.
 
Lehrer aus Nordrhein-Westfalen klagen hingegen über die Abschaffung der Schulkindergärten. Seit einem Jahr sitzen auch Kinder, die zwar schulpflichtig sind, mitnichten aber schulfähig — also z.B. das Sprachniveau von Dreijährigen haben — in der ersten Klasse, während sie früher im Schulkindergarten von speziell ausgebildeten Kräften auf den Schulstart vorbereitet wurden. Nach skandinavischem Vorbild will man auch in NRW das individuelle Lernen vorantreiben. Eigneten sich früher Abc-Schützen im Klassenverband pro Woche durchschnittlich einen Buchstaben an, soll nun jedes Kind sein Tempo selbst bestimmen.
 
Schwache bleiben auf der Strecke
 
Aufgeweckte, selbstständige Kinder profitieren von den neuen Methoden, schwächere aber drohen auf der Strecke zu bleiben. Selbst da, wo sich engagierte Lehrer gerade um die weniger Begabten bemühen, gelingt es häufig nicht, die Schlusslichter mitzuziehen. So musste eine Grundschullehrerin aus Schwerte (bei Dortmund) für sieben ihrer Erstklässler im vergangenen Schuljahr „schweren Herzens“ Anträge auf sonderpädagogischen Förderbedarf und auf Übernahme durch eine Förderschule stellen.
 
In Berlin läuft anscheinend auch nicht alles bestens. Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) will jedenfalls die seit 2005 eingeführte Schulpflicht für Kinder mit fünfeinhalb Jahren kippen. Statt einer starren Stichtagsregelung will man in der Hauptstadt „die großen Entwicklungsunterschiede“ der Kinder künftig mehr berücksichtigen.
 
 
die Schulreife entscheidet
 
Sorgen muss sich die Mutter der vorzeitig eingeschulten Katharina trotzdem nicht machen. Grundschullehrer erwarten Probleme nicht bei Kindern, deren Eltern das Für und Wider der Früheinschulung sorgfältig abwägen und die persönliche Reife ihres schulwilligen Kindes vernünftig einschätzen. Schwierigkeiten prognostizieren Lehrer vielmehr bei jenen Kindern, die mit der Schule beginnen, weil sich die Eltern das Geld für ein weiteres Kindergartenjahr sparen wollen oder müssen.
 
Erfahrene Pädagogen raten allen Erstklässler-Eltern zu aufmerksamer Gelassenheit. Die Kinder schaffen die Umstellung vom Kindergarten zur Schule am besten, wenn sie nachmittags ausreichend Zeit zum Spielen und Erholen haben. Die schulfreie Zeit soll also möglichst nicht durch zu viele andere Aktivitäten verplant werden. Höchstens 30 Minuten täglich dürfen die Abc-Schützen an ihren Hausaufgaben sitzen (und zwar ohne Hilfe der Mutter). Braucht das Kind länger oder kann es die gestellten Aufgaben nur mit Unterstützung bewältigen, ist es wichtig, den Lehrer ehrlich darüber zu informieren.
 
Trost für alle Eltern von vorzeitig eingeschulten Kindern, die den angestrebten späteren Übertritt aufs Gymnasium nicht schaffen, kommt von der Wissenschaft: Arbeitsökonom Puhani hat für seine neueste Studie Schulkarrieren ausgewertet und nachweisen können, dass jüngere Schüler ihre altersbedingten Defizite langfristig ausgleichen. Nach der zehnten Klasse wechseln sie häufiger als ihre älteren Mitschüler auf eine höhere Schulform.
 
 
 
Das Küken:
 
„Bis vor einem Jahr stand für mich fest: Unser Kind wird erst mit sechs eingeschult! Allerdings hatte ich nicht mit Katharina gerechnet. ,Ich will schon jetzt in die Schule!', machte sie uns im vergangenen Herbst eindeutig klar. Und als ob sie den Widerstand organisiert hätte, sprach mich in regelmäßigen Abständen jemand auf eine vorzeitige Einschulung an. Vor einem halben Jahr nahmen mich die Erzieherinnen ins Gebet und meinten, ein weiteres Kindergartenjahr wäre für die Kleine nur langweilig. Ich begann umzudenken. Und führte viele Gespräche: mit befreundeten Müttern und Vätern, Lehrern, der Kinderärztin und einer Schulpsychologin, die mir allesamt zu dem Schritt rieten. Immer wieder wägte ich meine Pro- und Contra-Argumente ab. Katharina ist für ihr Alter sehr groß. Sie ist selbstbewusst und kommunikationsfreudig, das sprach sicher dafür. Im Frühsommer fühlte ich: Jetzt ist auch die Mutter ,schulreif'! Wir freuen uns alle riesig auf den ersten Schultag!“
Beate Schindler, München
 
 
Der Regelschüler:
 
„Till ist im März sechs Jahre alt geworden und damit schulpflichtig. Somit hat sich die Frage, ob er noch ein Jahr länger in den Kindergarten gehen sollte, nie gestellt. Bei seiner großen Schwester war das anders. Laura ist erst an ihrem siebten Geburtstag eingeschult worden. Eine goldrichtige Entscheidung, wie sich heute zeigt. Till wird die Schule sicherlich genauso gut packen, da sind wir sicher. Doch ein halbes Jahr Spielen und Toben hätten wir ihm gern noch gegönnt — bei entsprechender Förderung durch den Kindergarten. Ob man sich beim zweiten Kind weniger Sorgen macht? In erster Linie geht es darum, ob unser Sohn mit der Lehrerin auskommen wird. Er bekommt eine junge Lehrerin, so wie wir es uns gewünscht haben. Deshalb glauben wir, dass sie engagiert und gut auf die Kinder eingehen wird.“
Elke und Andreas Reckers, Jüchen bei Mönchengladbach
 
 
Der Klassen-Senior:
 
„Letztes Jahr Kann-Kind, jetzt wohl einer der Senioren in der Klasse: Vinzenz wird zwar schon im November sieben Jahre alt, trotzdem haben mein Mann und ich nie ernsthaft erwogen, ihn schon mit fünf einschulen zu lassen. Unser Sohn tat sich mit Sozialkontakten immer ein bisschen schwer, und die ganze Schulsituation wäre für ihn wohl im vergangenen Jahr ein enormer emotionaler Stress geworden, auch wenn er intellektuell vielleicht schon weit genug war.
Jetzt sind wir alle bereit: Vinzenz freut sich, auf alles, aber besonders auf die Schultüte'. Wir Eltern haben uns halbwegs mit dem Gedanken angefreundet, eine Stunde früher aufzustehen. Eigentlich muss der Sohn dann auch früher ins Bett. Noch mehr Stress und Geschrei am Abend? Keine Ahnung, wie wir das schaffen sollen.“
Iris Röll, München
 
 
Schlagwörter: Grundschule Erstklässler Einschulung zu früh Alter 
      
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