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FOCUS-SCHULE, Heft-Nr. 05/2008 |
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Der Blick durch's Schlüsselloch |
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Eltern müssen beim Schulstart leider draußen bleiben. Dabei sind Sie doch so neugierig, wie der Alltag ihrer Abc-Schützen aussieht. Die Münchner Grundschullehrerin Julia Uebel machte eine Ausnahme. Sie ließ FOCUS-SCHULE-Redakteurin Iris Röll herein und erzählte wie es so ist, in der ersten Klasse... Protokolliert von FOCUS-SCHULE-Redakteurin Iris Röll
 Die Münchner Grundschullehrerin Julia Uebel gewährte FOCUS-SCHULE-Redakteurin Iris Röll (selbst Mutter eines Erstklässlers) Eintritt in Ihre Klasse Die Tür geht irgendwann zu, und es wird ruhig. Samt Digital- und Videokameras verschwindet die schnatternde Truppe aus Mamas, Papas, Omas und Onkeln auf dem Gang, und wir sind zum ersten Mal allein: meine neue erste Klasse und ich. 23 Paar große Kulleraugen haben sich von den großen bunten Schultüten und den ebenso großen bunten Schulranzen losgerissen und schauen mich an – aufgeregt, erwartungsvoll, unsicher. Ich bin auch nach acht Jahren im Dienst nicht weniger neugierig: Wie wird diese Klasse sein? Was werden wir die nächsten zwei Jahre miteinander erleben? Die Verantwortung für die Abc-Schützen ist so groß: Ich bin ihre Empfangsdame in dieser neuen fremden Schulwelt, ich kann sie für das Lernen begeistern, aber ihnen auch die Schule für lange Zeit verleiden. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – liebe ich diesen Beruf und vor allem die Arbeit in den ersten beiden Klassen: Da ist so viel Gefühl, Witz und Spontaneität im Klassenzimmer. Die Kleinen suchen oft noch die körperliche Nähe, und natürlich himmeln sie mich an. Ich glaube, es ist fast unmöglich, sich bei Kindern als Erstklass-Lehrerin unbeliebt zu machen. Fast täglich bekomme ich selbst gemalte Bilder und Briefchen überreicht, selbst geschriebene Geschichten oder auch mal einen Glücksstein. Manche Kinder kleben förmlich bei mir am Pult und brechen in Tränen aus, wenn sie beim Erzählkreis nicht neben mir sitzen dürfen. Da streichelt eine kleine Hand ganz unbewusst meinen Arm, oder ein Mädchen bittet mich bei der Stillarbeit: „Kannst du mich bitte ein bisschen kraulen?“ Und öfters rutscht den Kleinen ein „Mama“ heraus, wenn sie mich ansprechen – das sind die magischen Momente meines Berufsalltags! Eltern müssen Vertrauen haben Auch den Eltern gegenüber fühle ich eine besondere Verantwortung. Viele sind so unsicher und suchen gerade am Anfang sehr den Kontakt. Kein Wunder: Im Kindergarten waren tägliche Gespräche zwischen Tür und Angel mit der Erzieherin möglich. Ein Tages- oder Wochenplan informierte über die Aktivitäten. Der Übergang zu den neuen Regeln der Schule ist für Eltern oft nicht einfach. Wie viel Nähe Schulen und Lehrer zulassen, das habe ich sehr unterschiedlich erlebt. Ich gebe immer meine E-Mail-Adresse und meine Telefonnummer heraus und habe noch nie erlebt, dass Eltern diese Offenheit ausgenutzt haben. Mir ist es lieber, kleine Unklarheiten schnell telefonisch zu klären oder per Mail die kurze Info zu bekommen, dass der Hamster gestern gestorben ist. Andererseits erwarte ich von den Eltern auch Vertrauen, dass ich mein Handwerk verstehe und es gut meine mit ihrem Kind. Von Kollegen hört man manchmal: „Erste Klasse? Nein danke, das packe ich nervlich nicht mehr!“ In der Tat ist das erste Halbjahr sehr anstrengend für alle: Wir müssen uns aneinander gewöhnen, das Stillsitzen klappt noch nicht so gut, alles geht sehr langsam. Was ich unbedingt von Schulanfängern erwarte? Sie sollten eine Weile sitzen bleiben können, zuhören, Regeln einhalten und mehrteilige Aufträge verstehen. Bei manchen Kindern merke ich tatsächlich, dass sie von zu Hause gewohnt sind, alles zu diskutieren. Wenn ich da sage: „Schlagt eure Hefte auf!“, kommt erst mal die Gegenfrage: „Warum?“. Dann muss ich klarstellen: Ich bin hier die Bestimmerin! Andere Kinder kommen bis an die Haarspitzen gefördert zu uns. Da spüre ich oft wahnsinnig viel Druck von den Eltern. Die armen Kleinen zerkauen ihren Radiergummi oder zerbeißen den Bleistift vor lauter Anspannung. Eingependelt hat sich unser Alltag bis Weihnachten. Ich weiß, für Eltern ist es schwierig nachzuvollziehen, was den Vormittag über passiert, denn auf den Stundenplänen steht außer Sport, Religion und Werken/Textiles Gestalten meist nur „GU“ für „Grundlegenden Unterricht“. Wir Lehrer müssen aber sehr wohl genaue Wochenpläne erstellen, was wir in welcher Stunde durchnehmen wollen. Natürlich muss ich flexibel reagieren, wenn ein Kind nach der Pause weint, weil es geärgert oder verletzt wurde. Wichtig sind für Kinder aber auch in der Schule Rituale: der Erzählkreis natürlich, anfangs jeden Morgen, dann mindestens am Montag. Oder wir führen jeden Dienstag zwei bis drei Stunden lang einen neuen Buchstaben ein. Die Kleinen verinnerlichen diese Regelmäßigkeiten schnell. Alleskönner werden Assistenzlehrer Eine große Herausforderung sind für mich die enorm unterschiedlichen Voraussetzungen, mit denen die Kinder in die Schule kommen. Der eine kann schon lesen und schreiben, der andere stöpselt auch nach einem halben Jahr noch mühsam Buchstaben für Buchstaben zusammen. Manchen Überfliegern muss man ständig Nachschub liefern, sonst stören sie. Meine Lösung: Ich biete Freiarbeit an. Die Kinder dürfen sich dann selbstständig Lernspiele oder Arbeitsblätter holen. Oder ich setze die kleinen Alleskönner als Assistenzlehrer ein. An den immer jünger eingeschulten Erstklässlern liegen diese Unterschiede übrigens nicht. Die sind meiner Erfahrung nach kognitiv genauso fit wie die Älteren, aber emotional oft noch sehr empfindlich. Brauchen Sie kurz Ruhe am Tisch? Versuchen Sie es mit einem resoluten „Kommando Brezel!“ – Ihr Kind weiß sehr wahrscheinlich genau, was das bedeutet: ruhig hinsetzen und Arme verschränken. Schafft das die ganze Klasse, bevor mein Holzspecht seine Stange hinuntergeklettert ist, bekommen die Kinder einen Punkt, wenn nicht, der Specht. Am Ende der Woche gibts für jeden ein Gummibärchen, wenn die Klasse den Holzvogel nach Punkten besiegt hat. Jede Lehrerin hat natürlich ihr eigenes Zuckerbrot-und-Peitsche-System, aber immer gilt: Die Kinder wachen sehr streng über die Einhaltung der Regeln. Wichtig ist, dass die Kleinen mit eigenen Augen sehen können, wann was passiert. Also: Wenn der Holzspecht unten ist, dann müssen wir ruhig sein. Ich empfehle Eltern deshalb immer, eine Sanduhr zu kaufen, wenn das Kind sich bei den Hausaufgaben leicht verzettelt; so werden Zeiträume einfach sichtbar. Was ist in der Schule passiert? Was haben Sie zu Hause – eine Plaudertasche oder einen Schweigsamen? Dazwischen geht offenbar nichts bei Erstklässlern, so höre ich zumindest die Eltern jammern. Die einen erzählen zu Hause jedes Detail: „Frau Uebel hat neue Ohrringe! Frau Uebel war beim Friseur!“ Mein Freund merkt so etwas manchmal gar nicht, meine Schüler schon. Die anderen schweigen beharrlich auf forschende Elternfragen. Ich kann nur raten: Fragen Sie so konkret wie möglich! Also nicht: „Wie war es heute?“, sondern „Welchen Buchstaben habt ihr denn heute gelernt?“ oder „Wer hat heute die lustigste Geschichte erzählt im Morgenkreis?“. Wenn ich einmal selbst Mama bin, wünsche ich meinem Kind für den Anfang eine liebe Klasse mit wenig Aggressionspotenzial und eine begeisterte, verständnisvolle und geduldige Lehrerin – dann kommt erst mal lange nichts. Schlimm fände ich, wenn meinem Kind schon in der ersten Klasse die Lust an der Schule genommen würde, wenn die Lehrer oft wechselten oder ein Studienrat verdonnert würde, gegen seinen Willen die Abc-Schützen zu übernehmen. Dann käme sicher nichts auf von der Magie der ersten beiden Jahre, und mein Kind würde vielleicht nie verstehen, warum ich diesen Beruf so liebe. Schlagwörter: Grundschule Erstklässler Einschulung Lehrerin was passiert Lernen anfang erste Klasse Klassenlehrerin Unterricht Mama draußen bleiben |
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