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FOCUS-SCHULE, Heft-Nr. 01/2009 |
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Die Tücken der Turboschule |
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Früher Abschluss – Durch vorgezogene Einschulung und verkürzte Gymnasialzeit werden Schulabgänger immer jünger. Das ist politisch gewollt, erfordert aber Flexibilität – auch vom Gesetzgeber. Von FOCUS-SCHULE-Redakteur Volker Gieritz
 Mit 16 das Abitur in der Tasche? Dies könnte in Zukunft vielen Schülern passieren. Dann müssten sie unter Umständen an ihrem Heimatort studieren, allein, damit die Eltern ihrer Aufsichtspflicht nachkommen können... Vanessa wurde im vergangenen September im Alter von fünfeinhalb Jahren eingeschult. Das ist ziemlich früh und verschafft der kleinen Berlinerin einen Vorsprung vor älteren Erstklässlern. Wenn sie jetzt auch noch die ersten beiden Grundschuljahre in ein einziges packen würde – in der Hauptstadt ist das für fitte Schüler möglich -, dann könnte sie theoretisch bereits 2019, also mit 16 Jahren, das Abitur in der Tasche haben; den Realschulabschluss sogar schon mit 14 Jahren.
Eigentlich nichts Ungewöhnliches, schließlich liest man immer wieder von jungen Genies, die bereits Vorlesungen besuchen. Wenn es nach den Kultusministern geht, könnte das in Zukunft für alle guten Schüler zum Normalfall werden. Deutschland, lange Zeit mit das europäische Schlusslicht beim Einschulungs- und Abschlussalter, will mit aller Macht im internationalen Vergleich aufholen.
Kein Aufschub bei der Einschulung
„Es gibt Fünfeinhalbjährige, die nach kurzer Zeit kompetenter lesen und rechnen als Kinder, die bereits ein Jahr in der Schule waren“, schwärmt Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner. Nicht alle Eltern sehen die frühe Einschulung so positiv. „Unsere Politiker überfordern die Kinder mit dieser Turboschule“, empört sich Carmen Hampe, die Mutter von Vanessa und ihren drei Geschwistern.
Kein Aufschub bewilligt: Sie hatte beantragt, ihre Tochter ein Jahr später als vorgeschrieben einzuschulen, weil sie Vanessa für zu zart und verspielt für den Klassenalltag hält. Als ein Amtsarzt das Kind deshalb untersuchte, erfuhr Carmen Hampe, dass eine spätere Einschulung nur bewilligt werde, wenn die Gefahr einer geistigen Behinderung bestünde. Weil sie so eine Einschätzung nicht in den Akten ihrer Tochter haben wollte, schickte sie die Fünfeinhalbjährige schweren Herzens in die Schule.
Ein früher Schulabschluss bedeutet rechtliche Einschränkungen
Vanessa ist kein Einzelfall. Das Schulgesetz in Berlin und Schleswig-Holstein sieht eine Zurückstellung vom Schulbesuch überhaupt nicht vor. Und immer mehr Bundesländer verschieben den Stichtag, ab dem alle Kinder, die bis dahin sechs Jahre alt sind, schulpflichtig werden, um einige Monate nach hinten. In Bayern lag er vor vier Jahren noch am 31. Juli, in diesem Schuljahr am 30. November, und 2010 wird er an Silvester sein. Zudem wurde sukzessive das Gymnasium von neun auf acht Jahre verkürzt.
Probleme bei der Durchsetzung
Die Schule im Schnelldurchgang hat ihre Tücken. Die Anforderungen an die Schüler steigen, und nicht jeder ist diesem Tempo gewachsen – einen guten Abschluss zu erreichen könnte für viele problematisch werden. Außerdem bedeutet ein Schulabschluss von Minderjährigen rechtliche Einschränkungen. Sollte Vanessa mit 16 Jahren Abitur machen, müsste sie unter Umständen an ihrem Heimatort studieren, damit ihre Eltern weiterhin ihrer Aufsichtspflicht nachkommen könnten.
Hürde Mindestalter
Doch was geschieht, wenn sie sich mit 14 für eine Lehre entscheidet? „Eine gesetzliche Beschränkung, wie alt ein Auszubildender mindestens sein muss, gibt es nicht“, sagt Kathrin Hensge vom Bundesinstitut für Berufsbildung in Bonn. Laut Jugendarbeitsschutzgesetz dürfen Kinder – das sind rechtlich gesehen alle unter 15 Jahren – nicht beschäftigt werden. Paragraf 7 erlaubt aber Ausnahmen für Jugendliche, die die Vollzeitschulpflicht erfüllt haben.
De facto liegt das Durchschnittsalter für Auszubildende derzeit bei etwas über 19 Jahren. Betriebe bevorzugen als Auszubildende ältere Bewerber, möglichst mit Abitur. Der Grund: Jüngere Schulabgänger sind, gemessen an ihren kognitiven Fähigkeiten, zwar oft reif für eine Ausbildung, haben aber im sozialen Bereich Nachholbedarf. Wie groß der ist, hängt von der Persönlichkeit ab. Hinzu kommt, dass manche Arbeitgeber bei männlichen Bewerbern einen abgeleisteten Wehr- oder Zivildienst voraussetzen. Den dürfen Jungen frühestens mit 17 Jahren antreten. Für einige Berufe benötigt man überdies schon während der Ausbildung den Führerschein. Doch allein hinters Steuer darf man in Deutschland bekanntlich erst mit 18 Jahren.
Erstklässlerin Vanessa sollte es sich also später einmal gründlich überlegen, ob sie wirklich schon mit 14 von der Schule abgehen will. Die Bildungspolitik strebt für die Zukunft eindeutig mehr Abiturienten an. Wenn die merklich jünger sein werden als heute, müssen entsprechend auch die Führerscheinneulinge und die Wehrdienstleistenden jünger werden – was wiederum neue Probleme aufwirft. Schlagwörter: Bayern Berlin Berlins Bonn Bundesland Kinder Schleswig-Holstein Schule Schüler Tücken Vanessa Württemberg Zukunft |
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