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FOCUS-SCHULE, Heft-Nr. 04/2008
„Standesdünkel darf es nicht geben“
Bildungssenatorin Christa Goetsch fordert im Zuge der Hamburger Schulreform von ihren Pädagogen größere Flexibilität. Im Gegenzug will sie die Klassen verkleinern und mehr Geld in die Grundschulen investieren
Von FOCUS-SCHULE-Redakteur Volker Gieritz
 
 

Christa Goetsch entstaubt die Hamburger Schule: Auch die Lehrer müssen sich ändern
 
 
 
FOCUS-SCHULE: Sie waren früher Lehrerin für Biologie, Chemie und Physik. Seit Anfang Mai sind sie Bildungssenatorin in Hamburg – die erste grüne Kultusministerin. Welcher Job ist leichter?
 
Christa Goetsch: Das kann man pauschal nicht sagen, es sind unterschiedliche Herausforderungen. Spannend ist es, Schule nun aus einer weiteren Perspektive zu erfahren. Aberin beiden Berufen trägt man eine große Verantwortung. Nur der Gestaltungsspielraum ist ein anderer.
 
 
FOCUS-SCHULE: Und den nutzen Sie jetzt. In Hamburg wird die sogenannte sechsjährige Primarschule eingeführt. In Berlin gibt es bereits eine ver-längerte Grundschule – mit mäßigem Erfolg. Was wollen Sie besser machen?
 
GOETSCH: Wir wollen aus den Erfahrungen in Berlin lernen und verlängern die Grundschulzeit nicht einfach um zwei Jahre. In Hamburg entsteht eine neue Schulform, in der leistungsschwache sowie leistungsstarke Schüler nach ihren Talenten gefördert werden. Dazu werden wir die Klassen erheblich verkleinern. In keiner Primarschule werden mehr als 25 Kinder zusammen unterrichtet, in sozialen Brennpunkten nicht mehr als 20 Schüler. Zudem werden Lehrer aus dem Sekundarbereich, etwa vom Gymnasium, ab der vierten Klasse unterrichten und für einen anspruchsvollen Fachunterricht sorgen. Nach der sechsten Klasse können die Schüler dann auf das Gymnasium oder auf die neue Stadtteilschule wechseln, die künftig Haupt-, Real- und Gesamtschulen ersetzt. Bei beiden Schulformen kann das Abitur erreicht werden.
 
 
FOCUS-SCHULE: Da freuen sich sicher viele Gymnasiallehrer, dass sie jetzt an der Grundschule unterrichten sollen ...
 
GOETSCH: Ist das eine Schande? Diesen Standesdünkel unter Lehrern zu Lasten der Kinder darf es nicht mehr geben. Wir müssen weg vom Einzelkämpfertum, hin zur Teamarbeit. Wir tragen schließlich gemeinsam Verantwortung für die Schüler. Für Gymnasiallehrer ist es eine wunderbare Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln, wenn sie mal in den Klassen vier bis sechs unterrichten. Außerdem wird es mit der Primarschule im bisherigen Sinne keine Grundschule mehr geben, sondern eine neue integrierte Schulform.
 
FOCUS-SCHULE: Jeder zweite Lehrer in Hamburg ist über 50 Jahre alt. Ziehen die mit?
 
GOETSCH: Es stimmt, viele der Kollegen werden bald in Rente gehen. Aber das ist eine gute Chance, mit jungen Lehrern die neuen Reformvorhaben anzugehen. Das soll nicht heißen, dass die erfahrenen Kollegen keine Lust auf Veränderungen haben.
 
 
FOCUS-SCHULE: Stichwort Veränderungen – die Reaktion der Eltern auf Ihre Reformen fällt eher verhalten aus.
 
GOETSCH: Das liegt sicher daran, dass die Eltern viele Reformen miterlebt haben, die von oben nach unten durchgedrückt wurden. So wurde die Verkürzung des Gymnasiums auf acht Jahre zu schnell eingeführt, ohne dabei die Lehrpläne zu entschlacken. Deswegen kommt bei vielen die Angst auf, dass nun wieder etwas ohne ausreichende Vorlaufzeit übers Knie gebrochen wird. Wir haben genügend Zeit eingeplant – bis zum Schuljahr 2010/11. Außerdem führen wir Gespräche mit den Eltern, beteiligen sie bei der Schulentwicklung.
 
 
FOCUS-SCHULE: G8, Stadtteilschule und jetzt die Primarschule. Eine Reform jagt die nächste. Wäre eine Pause nicht besser?
 
GOETSCH: Wir können nicht die Hände einfach in den Schoß legen: Unsere Kinder werden viel zu früh einsortiert. Mit zehn Jahren ist noch nicht klar, in welche Richtung sich ein Mensch entwickeln wird. Da sind wir in Europa eine Insel, außer uns trennt nur noch Österreich seine Schüler so früh. Wir können es uns weder bildungs- noch gesellschaftspolitisch weiter leisten, sozial ungerecht zu selektieren und Talente zu verschenken.
 
 
FOCUS-SCHULE: Offiziell findet die Verteilung der Schüler nun zwei Jahre später statt. Aber Eltern werden versuchen, ihr Kind an einer Primarschule anzumelden, die mit einem guten Gymnasium zusammenarbeitet. Also Selektion schon zur Einschulung?
 
GOETSCH: Die Sorgen sind sicher vorhanden, aber unberechtigt. Die Primarschule ist kein Teil der Gymnasien oder der Stadtteilschulen. Somit ist es keine Vorentscheidung, wenn das Kind an eine bestimmte Primarschule geht, die räumlich mit einem Gymnasium gekoppelt ist. Da gibt es keinen Automatismus. Nach Klasse 6 entscheidet die Primarschule, ob der Weg aufs Gymnasium oder in die Stadtteilschule führt.
 
 
FOCUS-SCHULE: Noch eine Neuerung. Sie schaffen das Elternwahlrecht ab ...
Goetsch: Es gab noch nie ein Elternwahlrecht nach der sechsten Klasse. Es bleibt den Eltern aber weiterhin freigestellt, auf welches Gymnasium sie ihr Kind schicken. Im Übrigen entscheidet ja auch kein einzelner Lehrer, welches Kind für das Gymnasium geeignet ist.
 
 
FOCUS-SCHULE: Wird die Stadtteilschule zur neuen Restschule?
 
GOETSCH: Dem muss entgegengesteuert werden. Aber die Abschaffung der Hauptschule zum neuen Schuljahr ist ein richtiger Schritt. In Hamburg haben wir über 30 Prozent an Jugendlichen, die die Schule abbrechen oder einen schlechten Hauptschulabschluss machen. Deshalb müssen wir mehr in Bildung investieren, vor allem am Anfang.
 
 
FOCUS-SCHULE: Dabei gibt Hamburg jetzt schon überdurchschnittlich viel Geld pro Schüler aus ...
 
GOETSCH: Wir verplempern kein Geld! Wir unterrichten Kinder mit Behinderungen in integrierten Klassen und haben mehr Ganztagsschulen als andere Länder. Das verursacht höhere Kosten. Wichtig ist, Sprüchen wie „Unsere Kinder sind die Zukunft“ auch Taten folgen zu lassen. Oder wie man in Hamburg sagt: „Butter bei die Fische geben.“
 
 
 
Schlagwörter: Hamburg Schulreform Lehrer Flexibilität Christa Goetsch
      
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