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FOCUS-SCHULE, Heft-Nr. 03/2008 |
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Es stinkt zum Himmel |
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Der Zustand vieler Schulklos ist katastrophal. Wie Eltern den Hygiene-Notstand bekämpfen Von FOCUS-SCHULE-Redakteurin Anne Kathrin Reiter
 In fast jeder fünften Schule empfinden Eltern die Sauberkeit als mangelhaft Auf dem Boden schwimmt aufgeweichtes Papier in einer Pfütze. Die verstopfte Schüssel gluckert in den letzten Zügen. Es gibt keine Klobrillen. Schwarze Klebestreifen auf dem Rand sollen zum Hinsetzen einladen. „Abflüsse werden mit Papier verstopft, Wände bekritzelt und manchmal sogar mit Exkrementen beschmiert“, klagt der Geschäftsführer einer Münchner Reinigungsfirma. Selbst seinem abgebrühten Putzpersonal drehe es angesichts dieser „himmelschreienden Zustände“ auf deutschen Schulklos manchmal den Magen um.
Eine Umfrage von FOCUS-SCHULE unter Elternbeiräten an 1235 Schulen ergab, dass die Sauberkeit an fast jeder fünften Schule als mangelhaft empfunden wird. In mindestens jeder dritten Schule gibt es kein Klopapier, keine Seife oder Handtücher. „Und dann fordern die Politiker die Einführung eines Schulfachs Gesundheit, während sich die Kinder noch nicht einmal anständig die Hände waschen können“, empört sich Garnet Eichholz, Vorsitzende des Stadtelternrats in Hannover.
Hygienisches Minenfeld
Ein brisanter Mix aus Vernachlässigung durch Kultusministerium oder Schulreferat und Schüler-Vandalismus macht das Thema Hygiene zum schulischen Minenfeld. Wer erleben will, was Jugendliche in ihren Schultoiletten alles anstellen, der muss beim Videoportal YouTube nur das Suchwort „Schulklo“ eingeben. Die Filmchen dort zeigen, wie Schüsseln mit Böllern gesprengt und Klopapierklumpen an die Wand geklatscht werden. Die größeren Ferkel sind nach Einschätzung des Münchner Reinigungsfirmenchefs erstaunlicherweise Mädchen sowie generell Haupt- und Realschüler. Am saubersten finden seine Putzkolonnen die Klos in den Grundschulen vor.
Verwahrlost, defekt, mutwillig zerstört – und das in einem Land, das Sauberkeit und Ordnung seit jeher zu seinen nationalen Grund-tugenden zählt. Wie ist das möglich? „Toilettenhygiene ist in Deutschland ein Tabuthema, das zu Hause und in der Schule eher selten angesprochen wird“, meint Jürgen Gebel vom Institut für Hygiene und Öffentliche Gesundheit an der Universität Bonn. Er fordert, das Thema Hygiene in die Lehrpläne zu integrieren und bereits im Kindergarten das richtige Spülen, die Verwendung von Toilettenpapier und das Händewaschen zu üben. „Richtiges Hygieneverhalten ist dem Menschen nicht angeboren“, sagt er, und offenbar sehen es nicht alle Eltern als ihre Aufgabe an, es ihren Kindern selbst beizubringen.
Schüler ekeln sich vor dem Klo
Ein weiterer Grund ist, dass Toiletten in Schulen – anders als zu Hause – anonyme Räume sind, für die sich keiner verantwortlich fühlt. Häufig entsprechen die sanitären Anlagen nicht mehr modernem Standard, denn sie sind in der Regel so alt wie die Schulgebäude selbst und wurden seit den 60er- oder 70er-Jahren nicht mehr erneuert. „Kein Wunder, dass die Klos in einem erbärmlichen Zustand sind und von den Schülern nicht wertgeschätzt werden“, sagt Stadtelternrätin Eichholz. „Oder kennen Sie jemanden, der zu Hause noch eine 50 Jahre alte Schüssel benutzt?“
Dass es auch anders geht, bewiesen Lehrer und Schüler der Integrierten Gesamtschule im niedersächsischen Vahrenheide. Die Pädagogen ermunterten die Jugendlichen, Wände mit Mosaiken zu verzieren oder bunt zu bemalen und sie so aus der Anonymität zu holen. Jetzt fühlen sich die Schüler für ihr Werk verantwortlich und bemühen sich um Sauberkeit. Keiner käme auf die Idee, hier etwas zu zerstören.
Doch solche Vorzeigefälle sind die Ausnahme. Wie es anderswo zugeht, erzählen Schüler in Internet-Foren. Zum Beispiel, dass sie sich „lieber in die Hose machen, als auf solche verdreckte stille Örtchen zu gehen“ (von HoTTe83). Ein User namens Morgoth schreibt: „In meiner Schulzeit war ich kein einziges Mal auf dem Klo“, weil er sich so geekelt habe. Einige Eltern beklagen sogar, dass ihre Kinder morgens absichtlich nichts trinken, um tagsüber bloß nicht Wasser lassen zu müssen.
Reinlichkeit ist eine Budgetfrage
Aus medizinischer Sicht ist das ein bedenkliches Verhalten: „Geht man nicht häufig genug auf die Toilette, kann dies durch Überfüllung der Harnblase zu Entzündungen führen. Zu wenig Flüssigkeitsaufnahme bedingt außerdem Konzentrationsschwierigkeiten, Kopfschmerzen bis hin zu Organschäden, beispielsweise der Nieren“, erklärt Hygieneexperte Jürgen Gebel.
Häufigeres Putzen würde sicher helfen, den Ekel vor dem Klo zu überwinden. Doch dafür fehlt das Geld. Um im Rahmen der niedrigen Reinigungsbudgets zu bleiben, die die Kultusministerien den Schulen zugestehen, ist mehr als einmal säubern am Tag nicht drin. Längst sind auch nicht mehr fest angestellte Hausmeister für diese Arbeit verantwortlich, sondern private Putzfirmen aus ganz Europa, die sich gegenseitig unterbieten, um die Aufträge zu ergattern. Bis etwa 100 Quadratmeter Toilettenfläche oder durchschnittlich 300 Quadratmeter Schulfläche müssen von einer Putzfrau in der Stunde bewältigt werden, damit sie auf ihren Tariflohnvon 9,40 Euro inklusive Urlaub kommt, erläutert der Münchner Reinigungsfirmenchef. Allzu viel Pingeligkeit kann sie sich da nicht leisten.
Hygiene auf dem Prüfstand
FOCUS-SCHULE wollte herausfinden, ob es nach so einem Blitzputz wirklich auch blitzsauber ist auf den Toiletten oder ob gesundheitsschädliche Bakterien zurückbleiben: Während der ersten Unterrichtsstunde ließen wir in Münchner Schulklos mit sterilen Tupfern Proben von Toilettenbrillen und Türgriffen entnehmen und dann im Münchner Max von Pettenkofer-Institut untersuchen.
Mikrobiologin Beatrice Grabein und ihr Team drückten die Proben in sogenannte Agar-Platten. Nach 48 Stunden war auf diesen Nährböden ein beachtlicher Bakterienteppich gewachsen. Die Analyse ergab jedoch Erfreuliches: „Wir haben Hautbakterien und Bakterien gefunden, wie sie auf jeder Oberfläche vorkommen – aber nichts Gesundheitsgefährdendes. Es gab keinerlei Spuren von Salmonellen oder Darmflorabakterien“, erklärt die Mikrobiologin. Ihr Fazit: „Die Toiletten scheinen morgens sauber zu sein.“
Schlechte Note in Hygiene
Mittags, wenn Hunderte von Schülern die Klos benutzt haben, kann die Sache ganz anders aussehen. „Es ist ein Skandal, dass die Schul-WCs nur einmal am Tag geputzt werden“, findet der Geschäftsführer der Münchner Reinigungsfirma. „Bei McDonalds, wo ähnlich viele Menschen austreten müssen, gibt es eine Toilettenfrau, oder es wird stündlich gewischt.“ An Schulen dagegen müsse selbst nach der Umstellung auf Ganztagsunterricht eine Schnellreinigung am Tag reichen. Auch Beatrice Grabein hält diesen Zustand für bedenklich. Wenn Kinder den ganzen Tag in der Schule verbringen, wachse die Gefahr, dass ansteckende Darmerkrankungen die Runde machen. „Nur einige Tropfen Stuhlgang und eine nicht gründliche Reinigung könnten Kinder infizieren, die diese Toilette benutzen“, erklärt die Mikrobiologin. Das Fehlen essenzieller Hygieneartikel wie Klopapier, Seife oder Handtücher macht alles noch schlimmer.
Eltern und Lehrer werden aktiv
Mit den miserablen Zuständen will sich inzwischen niemand mehr abfinden. Eltern und Lehrer nehmen den Kampf gegen verschmutzte, heruntergekommene Toiletten selbst auf, obwohl das gar nicht zu ihren Aufgaben zählt. „Es gibt Eltern, die einmal in der Woche Wischeimer und Desinfektionsspray zücken. Dann wird auch in Ecken gewischt, wo die Putzfrauen sonst nicht hinkommen“, berichtet Garnet Eichholz vom hannoverschen Stadtelternrat. In der Integrierten Gesamtschule List zahlen die Eltern sechs Euro Klogeld extra im Jahr, um eine zweite Reinigung pro Tag zu finanzieren.
An einigen Schulen patrouillieren mittlerweile die Lehrer in den Aborten und geben das Klopapier nur noch blätterweise aus, damit es nicht zum Verstopfen der Abflüsse missbraucht wird. Ungenannt bleiben möchte der Pädagoge aus Leipzig, der einen jugendlichen Schüler dabei beobachtete, wie er zum Spaß immer wieder über das Urinal hinauspinkelte. Er verdonnerte ihn dazu, die verdreckten Toiletten 14 Tage lang Abend für Abend allein zu schrubben. Danach traf der 15-Jährige nicht nur immer genau ins Ziel, er ließ auch seinen Mitschülern keine derartigen Ausrutscher mehr durchgehen. |
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