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FOCUS-SCHULE,  Januar 2009
Die Hauptschule geht, die flexible Grundschulzeit kommt
 
Neuerungen im Schulsystem: Auch Bayern und Baden-Württemberg trennen sich langsam von der Hauptschule. Bundesweit soll künftig weniger „sortiert“ und individueller gelernt werden. 
Von FOCUS-SCHULE-Redakteurinnen Andrea Hennis und Nina Meckel
 
 

Der Trend in der Schule: Mehr individuelle Förderung in gemeinsamen Schulen. Kinder nach Leistungen zu sortieren ist nicht mehr zeitgemäß 
 
 
 
Manches wäre einfacher, wenn Deutschland ein einheitliches Schulsystem hätte – darunter auch die Frage, was schulpolitisch im Jahr 2009 auf Eltern und Schüler zukommt. Doch mit etwas Rechercheaufwand lassen sich auch unter 16 Bundesländern mit 16 unterschiedlichen Schulsystemen Tendenzen herauslesen – so etwa der Trend zum zweigliedrigen Schulsystem, zum Abi nach zwölf Jahren (aber nur am Gymnasium), zur selbstständigen oder eigenverantwortlichen Schule und zu mehr individueller Förderung und Flexibilität vor allem in der Schuleingangsphase.
 
Generell setzen die ostdeutschen Bundesländer eher auf Kontinuität. Dort haben sich Ganztagsschulen, zweigliedriges Schulsystem und achtjähriges Gymnasium (G8) bereits etabliert. Auch das Thema Integration kann man bei einem Migrantenanteil von unter fünf Prozent im Osten gelassen sehen. Ganz anders sieht es diesbezüglich in den westdeutschen Stadtstaaten aus. Hamburg und Bremen, die eine Migrantenquote von circa 25 Prozent haben, fahren bei Vergleichsstudien regelmäßig unbefriedigende Ergebnisse ein. Der Reformdruck im Westen ist deshalb größer. Bremen, Hamburg, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein krempeln ihr Schulsystem um. Die Zusammenfassung: 
 
 
Flexible Schuleingangsphase: Drei bis fünf Jahre Grundschule
 
Im Rahmen der flexiblen Schuleingangsphase können Schulanfänger die Grundschulzeit in drei oder in fünf Jahren durchlaufen – je nach Vorkenntnissen, Begabung und Entwicklungsstand. Das Modell ist in vielen Ländern auf dem Vormarsch.

Baden-Württemberg begann schon im Jahr 1977 mit dem Modell „Schulanfang auf neuen Wegen“. Auch in der bayerischen Grundschule werden „Kombiklassen“ aus erster und zweiter sowie dritter und vierter Klasse angeboten. Mit dem Grundschul-Modellversuch „GribS“ will man die individuelle Förderung vermehrt in den Unterricht integrieren.

 
Berlin baut das jahrgangsübergreifende Lernen in der flexiblen Schulanfangsphase weiter aus. Die reguläre Grundschulzeit beträgt in Berlin sechs Jahre. Einige Schüler werden nach der ersten direkt in die dritte Klasse versetzt, andere verbleiben länger in der Anfangsphase und gehen erst nach drei Jahren in die dritte Klasse über. Insgesamt dauert die Grundschulzeit für Berliner Schüler damit zwischen fünf und sieben Jahre.
 
Wie in Berlin ist auch in Brandenburg die flexible Schuleingangsphase (FLEX) eingeführt worden, allerdings ist die Teilnahme freiwillig und wird nicht flächendeckend angeboten. Auch in Hessen bieten immer mehr Grundschulen das flexible Modell an.
 
 
Individuelle Förderung: Bildungspotenziale besser ausschöpfen
 
Deutschland hat zu wenig Abiturienten und zu viele Schulabbrecher. Durch individuelle Förderung sollen Bildungspotenziale besser ausgeschöpft und Benachteiligungen ausgeglichen werden. Was wollen die Länder im Jahr 2009 dafür tun?

Die neuen Rahmenlehrpläne in Berlin weisen der individuellen Förderung in jeder Schulform eine zentrale Rolle zu. In diesem Zusammenhang startete zum Schuljahr 2008/2009 das Pilotprojekt Gemeinschaftsschule. Dort lernen alle Kinder ganztags und gemeinsam, es kann jeder Schulabschluss erworben werden.

 
Auch in Baden-Württemberg soll in allen Schulformen eine neue Lernkultur mit mehr Zeit für individuelle Förderung entstehen.
 
Mecklenburg-Vorpommern will in der schulartunabhängigen Orientierungsstufe, welche die fünfte und sechste Klasse umfasst, durch gemeinsames Lernen und individuelle Förderung, Beobachtung und Erprobung die Wahl der nachfolgenden Bildungsgänge ab der siebten Jahrgangsstufe erleichtern.
 
 
Zweigliedriges Schulsystem: Abschied von der Hauptschule
 
Die Hauptschule hat ausgedient. Auch in Bayern und Baden-Württemberg ist ihre Abschaffung wohl nur noch eine Frage der Zeit.

Baden-Württemberg und Bayern halten grundsätzlich noch am dreigliedrigen Schulsystem mit Hauptschule, Realschule und Gymnasium fest. Doch Bewegung ist in Sicht: In Baden-Württemberg sollen zukünftig die Schulverbünde aus Haupt- und Realschulen ausgebaut werden. Und Bayern hat im Koalitionsvertrag vom Oktober 2008 festgelegt, die Kooperationen unterschiedlicher Schularten zu erproben.


Hamburg stellt zum 1. August 2010 auf das zweigliedrige Schulsystem um. Nach der Primarschule, die bis zur sechsten Klasse geht, teilen sich die Schüler in Stadtteilschule und Gymnasium auf.

 
 
Selbstständige Schulen: Eigenständig oder allein gelassen?
 
Schulen sollen sich künftig weniger von oben und mehr von innen entwickeln. Die Schulleiter bekommen vielerorts mehr Rechte, die Schulen ein schärferes Profil, die Lehrer mehr pädagogische Freiheit – aber alle zusammen auch mehr Verantwortung. Detailliert ausgearbeitete Lehrpläne werden zum Teil durch Bildungsstandards ersetzt, deren Realisierung in der Verantwortung des Kollegiums liegt.

Bayern schwarz-gelb: Der Koalitionsvertrag vom Oktober 2008 sieht vor, dass die Selbstständigkeit der Schulen gestärkt, also die Entwicklung schuleigener Lernkonzepte vermehrt unterstützt wird.

 
In Berlin setzen viele Gymnasien pädagogische Schwerpunkte mit vertieftem naturwissenschaftlichem, musischem, sportlichem und sprachlichem Profil. In Hamburg bilden alle Schulen Profile aus und bieten neben Englisch weitere Fremdsprachen an. (Dies gilt auch für die künftige sechsjährige Primarschule, die ab 2010 eingeführt werden soll).
 
An hessischen Schulen werden ab dem Schuljahr 2010/2011 anstelle der Lehrpläne Bildungsstandards eingeführt, auf deren Grundlage kompetenzorientiert unterrichtet wird. Hierzu erarbeiten die Schulen für die einzelnen Fächer Kerncurricula.
 
Mecklenburg-Vorpommern führt mit dem Schuljahr 2009/2010 die selbstständige Schule für alle Schulen verbindlich ein.
 
Niedersachsen hat seit 2007 die Stellung des Schulleiters deutlich gestärkt, Schulvorstände eingeführt und damit die eigenverantwortliche Schule gefördert. Über Personal, Budgetvergabe, Lehr- und Lernkonzepte kann der Schulleiter entscheiden.
 
 
Achtstufiges Gymnasium: Es kommt drauf an, wie man es macht
 
In einigen Ländern ist das „G8“ ein Streitpunkt, in anderen eine Selbstverständlichkeit. Diskutiert wird weniger um die Länge der Schulzeit als vielmehr um die Rahmenbedingungen, unter denen die Schüler zum Abitur gebracht oder – wie Kritiker meinen – gepeitscht werden. Einige Länder überlassen die Entscheidung neuerdings den Schulen oder differenzieren zwischen den Schularten.

Auch in Berlin verkürzt sich künftig die Schulzeit für Gymnasiasten: Ab dem Schuljahr 2011/2012 werden nun auch die Berliner Schüler nach zwölf Jahren Abitur machen.

 
Gymnasien in Brandenburg bieten das Abitur nach zwölf Schuljahren an, an den Gesamtschulen wird der Abschluss nach 13 Schuljahren erreicht. Ähnlich ist es in Bremen: Der Stadtstaat wird künftig ein 2-Säulen-Schulsystem mit Oberschulen und Gymnasien haben. Die Oberschule führt sowohl zur Berufsbildungsreife als auch zum Abitur, das in dieser Schulform nach neun Jahren erreicht wird. An Bremens Gymnasien wird das Abitur nach acht Jahren abgelegt.
 
Den Kooperativen Gesamtschulen in Hessen (mit Schulzweigen verschiedener Bildungsgänge) ist es freigestellt, ob sie im Rahmen der Sekundarstufe I den fünf- oder den sechsjährigen gymnasialen Bildungsgang anbieten.
 
 
 
 
 
 
 
 
   
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