Schulkompass Focus
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FOCUS-SCHULE, Heft-Nr. 02/2007
Philipps und Sophias neue Welt
20 Prozent der deutschen Eltern würden ihre Tochter oder ihren Sohn gern auf eine Privatschule oder ein Internat schicken. Aber zum Lernen weg von zu Hause – das ist für alle Familienmitglieder ein großer Schritt. Zwei Internatsschüler und deren Eltern berichten, wie sie ihn meistern und was sich verändert 
Von FOCUS-SCHULE-Autorin Barbara Esser
 
 

Besser Lernen im Internat? Es ist nicht wie bei Hanni und Nanni. Zwei Internatsschüler erzählen von ihrem Heimweh, dem wöchentlichen Gottesdienst und besseren Schulnoten 
 
 
 
Wenn es Abend wird im Internat Schloss Stein, wandelt sich die kleine Teeküche der Mädchenstation zum Drehkreuz der Wärmesuchenden. In der Mikrowelle rotiert ein Dinkelkissen, und immer wieder schlurfen Mädchen in Pyjamas aus den umliegenden Fluren an, um Wärmflaschen zu füllen oder sich von Frau Ouni, der Haupterzieherin, eine heiße Honigmilch oder einen Tee bereiten zu lassen. Irgendwann steht auch Sophia auf der Matte. Es ist nach neun, sie sollte längst schlafen, aber sie fühlt sich elend am heutigen ersten Schultag nach den Winterferien. Ihr Gesicht ist verweint, sie klagt über Bauchschmerzen. Jasmin Ouni nimmt sie in den Arm, um sie aufs Zimmer zu begleiten, und es ist klar, dass das nicht ihre einzige Bettkantensitzung an diesem Abend bleiben wird.
 
„Der Ankommenstag nach den Ferien ist immer schwer“, sagt die Erzieherin später – nach unzähligen „Licht aus!“- und „Handy weg!“-Appellen, einem Trostgespräch bei einer heimwehkranken Mexikanerin und weiteren befüllten Wärmflaschen und Schlaftrunkbechern. Gerade nach den Ferien und einer längeren Familienphase falle der Übergang von dem einen in das zweite Zuhause den Internatsschülern oft nicht leicht.
 
Es ist dies wohl auch eine der zentralen Fragen, die sich Eltern stellen, die für ihr Kind einen Wechsel auf ein Internat erwägen. Wie wird es den Übergang meistern? Bleiben wir eine Familie? Wird es ohne uns klarkommen? Wie ändert sich unser Leben?
 
 
Bleiben wir eine Familie?
 
Der Anfang war kein Spaziergang für Sophia Weißenberger, die seit vergangenem September auf Schloss Stein lebt – einem von 21 deutschen Landerziehungsheimen (LEH), nicht so berühmt wie das Parade-Internat Schloss Salem, aber mit rund 2300 Euro Monatsgebühr etwa genauso kostspielig. Dass die Zehnjährige zu den jüngsten Novizinnen des Internats südöstlich von München zählt, hat die Umstellung nicht erleichtert. Die Grundschule absolvierte Sophia in ihrem Heimatort Eiselfing unweit von Wasserburg am Inn. Schon in der dritten Klasse begannen die Eltern wegen des häufigen Unterrichtsausfalls und der überfüllten Klassen nach Alternativen zu suchen. Man besah sich zwei Internate, nach einem Probewohnen-Wochenende auf Schloss Stein fiel Sophias Wahl auf das nur eine knappe Autostunde von ihrem Wohnort entfernte LEH.
 
„Uns ging es in allererster Linie um die schulische Förderung unserer Tochter“, sagt Vater Kilian Weißenberger, Finanzvorstand einer japanischen Software-Firma. Mit dem herkömmli-chen Schulsystem sei die nicht mehr zu leisten. Der 38-Jährige hat viel mit seiner Tochter gepaukt und ist überzeugt, dass „die Vermittlung des Stoffes oft nur noch über die Eltern geschieht“. Sophias Mutter Susanne fiel die Entscheidung fürs Internat schwer, „weil Sophia noch so klein ist“. Aber sie wollte viel lieber dorthin als an das städtische Gymnasium. In der Stadt hätte es sieben randvolle fünfte Klassen gegeben. Auf Schloss Stein gibt es nur eine fünfte – bestehend aus 13 internen und externen Schülern.
 
 
Tapferenstolz
 
Seit einem halben Jahr teilt sich Sophia nun ein spartanisch möbliertes Zimmer mit einer gleichaltrigen Klassenkameradin. Die Fenster seien undicht, sagt sie, von der Decke bröckele der Stuck und an Stelle eines Lattenrosts liegt ein Holzbrett unter ihrer Matratze. Sophia zeigt es mit einer Mischung aus Verwunderung („Irgendwie könnten die sich ein bissl mehr Mühe mit den Zimmern geben“) und Tapferenstolz – eine, wie es scheint, fast grundsätzliche Haltung, die sie hier eingenommen hat: So vieles ist anders als daheim, man muss lernen, damit zurechtzukommen, im Idealfall macht es einen stärker.
 
Sie hat gelernt, sich bestimmte Dinge zu verkneifen. Probleme bespricht Sophia nur noch dann mit der Erzieherin, wenn sie sich telefonisch bei der Mutter vergewissert hat, „dass sie schlimm genug sind“. Die Barbiepuppen und Playmobil-Figuren hat sie gleich zu Hause gelassen, die mitgebrachten Fotos der Eltern und des Bruders bald wieder dorthin verbannt, „weil mich das zu sehr an sie erinnert hat“. Dafür stehen in ihrem Regal Bachblüten-Rescue-Tropfen, die Bibel und viele andere Bücher, deren Lektüre „abends vom Heimweh ablenkt“.
 
 
Tagsüber ist wenig Zeit
 
„Bei uns wird besonders viel Wert auf die zeitliche Verplanung gelegt“, erklärt Internatsleiter Sebastian Ziegler, der viel lächelt und seine 140 Zöglinge je nach Alter mit „ihr Lieben“ oder „ihr Mäuse“ anspricht. Ziegler mag die ihm Anvertrauten, das spürt man, und er ist überzeugt, dass der „gemeinsame tägliche Rhythmus, den viele zu Hause nicht hinkriegen“, gedeihlich ist für die Heranwachsenden. Auf Schloss Stein sieht das so aus: Wecken um 6.30 Uhr, Frühstück um 7.00 Uhr, zwanzigminütiges Silentium im Klassenraum, Unterricht von 8.00 bis 13.00 Uhr, Mittagessen bis 13.30 Uhr, anschließend „Appell“ (es wird Organisatorisches bekannt gegeben), von 14.00 bis 15.30 Uhr Neigungsgruppe (z.B. Reiten, Töpfern, Golfen, Musizieren – drei pro Woche sind in der Unterstufe Pflicht), von 16.00 bis 18.00 Uhr Studierzeit unter Aufsicht. Um 18.30 Uhr Abendessen, danach Freizeit. Die Kleinen gehen um halb neun ins Bett. Vorher müssen die Zimmer aufgeräumt sein, die Erzieher inspizieren das und schauen auch noch mal auf Hausaufgaben und Schulsachen.
 
Etwas altmodisch sei er manchmal schon, bemerkt Ziegler, der die Schuluniform wieder einführte und das monatliche Candlelight-Dinner, zu dem die Schüler sich fein anziehen und anderthalb Stunden Tischgespräch durchstehen sollen. Unterrichtsstunden und Mahlzeiten beginnen mit einem stehenden Schweigemoment, bei Tisch wird auf Manieren geachtet, eigener PC mit Internet-Zugang ist erst ab der zehnten Klasse erlaubt, Rauchen bis dahin bei Strafe verboten. Im Verdachtsfall werden Alkohol- und Drogentests vorgenommen. Vergehen werden je nach Anlass durch Sozialdienste, Morgenlauf, Ausgangssperre, TV-Verbot, Handy-Entzug, schlimmstenfalls Entlassung geahndet. „Wir haben den Ruf, sehr konsequent zu sein“, sagt Ziegler und benennt damit – neben der schulischen Förderung – das zentrale Pro-Argument der Interessenten. Wie die meisten Internate verzeichnet auch Schloss Stein den größten Andrang in den Pubertätsjahren der siebten und achten Klasse, wenn es in den Familien kracht und kriselt. Auch zur zehnten Klasse, wenn es darum geht, die Abschlüsse zu polieren, schwillt der Zulauf noch einmal an.
 
 
Drohmittel für ungebärdige Pubertierende
 
Obwohl sich die Internate mühen, das leidige Stigma der Notfallambulanz abzuschütteln, sehen sie viele Eltern noch immer als genau das: als ultima ratio oder wenigstens Drohmittel für ungebärdige Pubertierende. Auch wenn das Dauerklagen über die Mängel des Regelschulsystems Privatschulen einen Nachfrageschub beschert, vom angelsächsischen Selbstverständnis, dass ein gutes Internat das erzieherische wie schulische Nonplusultra darstellt, sind die Deutschen ein gutes Stück entfernt. „Etwas mehr Offenheit"attestiert Detlef Kulessa, Inhaber der Internatsvermittlung „Töchter und Söhne“, „den Eltern“. Durch Internet und Medien seien sie heute häufig auch besser informiert, ergänzt Ziegler. „Die kommen nicht mehr so oft mit ,Hanni und Nanni-Vorstellungen.“ Nach wie vor aber müssten Eltern ihren Internatswunsch bei Freunden oder Verwandten häufig legitimieren, weiß Kulessa: „Da spielen Angst und Neid eine Rolle, weil man weiß, dass das viel Geld kostet.“
 
Die Trennungsängste seien bei den Eltern oft größer als bei den Kindern, beobachtet Hartmut Ferenschild, Leiter der Internatsberatung der Landerziehungsheime, der Interessenten stets rät, sich zwei oder drei Internate unverbindlich anzusehen. „Viele Ängste lösen sich auf, wenn man leibhaftigen Internatswesen begegnet, die überwiegend gut drauf sind.“ Weil Internatskinder in „zwei Welten leben, in denen unterschiedliche Gesetze gelten“, sei es wichtig, dass Eltern sie auch in Ruhe ließen, sagt Ferenschild, der selbst eine Tochter auf Schloss Salem hat. Alte Internatshasen wüssten, dass sich fürsorgliche Belagerung verbietet: „Jeden Tag anzurufen und Briefe und Süßigkeitenpakete zu schicken erschweren nur das Ankommen.“
 
 
„Unser Verhältnis ist phantastisch – vor dem Wechsel war es ein Drama.“
 
Als die Bonner Rechtsanwältin Hildegard Giesers-Berkowsky ihren damals zwölfjährigen Sohn Philipp in die Obhut des katholischen Johanneum-Internatsgymnasiums in der Nähe von Münster entließ, hielt sie sich in den ersten Wochen bewusst mit Anrufen zurück. Heute telefoniert sie alle paar Tage mit dem inzwischen 14-Jährigen. „Unser Verhältnis ist phantastisch“, sagt sie, „vor dem Wechsel war es ein Drama.“
 
Philipps Versetzung war damals gefährdet, die betreuten Nachmittagsstunden in der Tagesheimschule schwänzte er häufig, um bei Freunden abzuhängen, Hausaufgaben erledigte er kaum noch. Der Mutter, ganztägig berufstätig, fehlte die Zeit, sich intensiv mit dem Sohn zu beschäftigen und angedrohte Konsequenzen durchzusetzen. Dass dies jetzt Philipps Erzieher übernehmen, empfindet die Alleinerziehende alsEntlastung. Und dass sich ihr Sohn seither spürbar verändert hat als Beleg der Richtigkeit ihrer – gemeinsam getroffenen – Entscheidung. „Philipp ist wie ausgewechselt. Er ist verantwortungsbewusster, ausgeglichener, rücksichtsvoller und nicht mehr so fordernd. Das sagen alle, die ihn auch anders erlebt haben.“ Die 17-jährige Schwester zum Beispiel, mit der sich Philipp neuerdings wieder prima versteht.
 
 
die Noten bewegten sich ausnahmslos nach oben
 
Und Philipp sagt das auch. „Ich bin besser drauf als vor zwei Jahren. Ich weiß mehr, was ich zu tun habe. Früher habe ich mich oft gelangweilt.“ Früher dachte er, knapp zwei Stunden Silentium in der Hausaufgabenzeit niemals aushalten zu können, heute kann er das Ergebnis der Schweigestunden an seinen Noten ablesen, die sich fast ausnahmslos nach oben bewegen. In seiner knappen Freizeit geht er joggen, besucht Freunde oder – man glaubt, sich verhört zu haben – räumt sein Zimmer auf. Aus Spargründen und weil das Bistum seine Zuschüsse reduzieren musste, hat man auf Schloss Loburg, wie das Collegium Johanneum auch heißt, einen Teil der Reinigungskräfte gestrichen. Dass die Jungs und Mädchen ihre Zimmer nun selbst auf Vordermann bringen müssen, habe einen hohen „erzieherischen Effekt“, konstatiert Präses Günter Witthake.
 
Der Zugewinn an Selbstbewusstsein, Sozialkompetenz und Verantwortungsgefühl sei etwas, „das ein Internat recht schnell durch den festen Rahmen hinkriegt“. Witthake leitet das Johanneum seit 18 Jahren. Kirchenmitglieder, egal, ob evangelisch oder katholisch, zahlen 800 Euro monatlich. Für alle anderen kostet es, knapp kostendeckend kalkuliert, 1400. „Wir sind ein Internat der kleinen Leute“, sagt der Priester, der auch jeden Sonntag in der schuleigenen Kirche die für interne Schüler verpflichtende Messe zelebriert. Aber die Probleme seien die gleichen wie in Salem oder sonst wo. „Für viele sind wir eine Übergangsstütze.“ Einige Eltern seien „sehr, sehr dankbar“. Auch die Schuldgefühle, unter denen gerade Mütter manchmal litten, legten sich, „wenn sie merken: Das Kind entwickelt sich“.
 
 
Philipp bemüht sich heute ziemlich viel richtig zu machen 
 
Zur „ganzheitlichen Erziehung“ an der katholischen Schule zählt ein zweiwöchiges Praktikum in einer sozialen Einrichtung, das jeder Zehntklässler absolvieren muss. „Für die allermeisten Schülerinnen und Schüler ist das eine wichtige Erfahrung, die sonst ausgeblendet wird“, sagt Witthake, der überzeugt ist, dass man auf Schloss Loburg einen größeren Anteil nachdenklicher junger Menschen findet als an anderen Schulen.
 
Es ist Dienstagnachmittag, Philipp hat sich einen mit Seifenwasser gefüllten Putzeimer geschnappt wie alle 24 Jungs auf seinem Flur. Er wienert das Waschbecken in seinem Zimmer, sortiert die Wäsche, räumt auf, saugt den Boden. An den Wänden seiner weiß gekalkten Bude hängen „Machs mit“-Kondom-Werbeposter der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, und irgendwie hat man das Gefühl, Philipp bemühe sich tatsächlich seit einer ganzen Weile, ziemlich viel richtig zu machen, richtiger als noch vor zwei Jahren. Sein nächstes Ziel ist das Zimmersilentium, das es gewissenhaften Schülern erlaubt, nachmittags in Eigenregie statt im Klassenverbund zu pauken. Der Sonntagsgottesdienst sei eigentlich gar nicht schlimm, sagt Philipp dann noch, ja manchmal bete er sogar, damit habe er hier begonnen. Man hört es und ahnt, was Präses Witthake mit dem Satz meinte, bei manchem weise die „Spirale nach einer gewissen Zeit bei uns wieder deutlich nach oben“.
 
 
 
 
 
 
   
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