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FOCUS-SCHULE, Heft-Nr. 01/2009
Ein Schuljahr in sieben Tagen
Kann man den gesamten Englischstoff der fünften Klasse in einer Woche Intensivsprachkurs pauken? Was Lerntrainerin Tanja Grübel ihren Schülern verspricht, klingt wie ein Märchen. FOCUS-SCHULE hat die Ferienkurse für versetzungsgefährdete Schüler getestet
Von FOCUS-SCHULE-Redakteurin Anne Kathrin Reiter
 
 

Ist es möglich den Stoff eines ganzen Schuljahres im Schnelldurchlauf zu lernen?
 
 
Es sind keine Musterschüler, die sich Lerntrainerin Tanja Grübel für ihren Englisch-Intensivkurs ausgesucht hat: Vanessa schreibt auf der Realschule nur Sechser in dem Fach, Laura steht auf Fünf. Bei Gymnasiast Johannes sieht es auch nicht besser aus. Und das schon in der fünften Klasse. Leichter wird’s nicht . . . Die Eltern haben Vokabeln abgefragt, Diktate geübt und zahllose Nachhilfestunden bezahlt. Alle Bemühungen haben nichts genützt, der Funke ist nicht übergesprungen.

In den Sommerferien 2008 sollte sich alles zum Guten wenden, dank Masterlingua-Ferienkurs: sieben Tage die Woche von neun bis 17 Uhr pauken, 20 Minuten Mittagspause. Der Raum im Truderinger Gemeindezentrum in München ist modern eingerichtet. Popmusik lockert die Atmosphäre auf. „Jetzt wollen wir euch mal richtig auf Erfolgskurs bringen“, verspricht Tanja Grübel. Die 27-jährige Kommunikationswirtin mit zehnjähriger Nachhilfeerfahrung bietet die Kurse auch in Französisch und bald in Latein im ganzen Bundesgebiet an. Kostenpunkt mit Nachbetreuung bis zur ersten Schulaufgabe: 1200 Euro. Ist die Intensivnachhilfe so viel Geld wert? FOCUS-Schule begleitete sechs Schüler drei Monate, um den langfristigen Erfolg zu überprüfen.

 
 
Lernen mit Überschallgeschwindigkeit

In Erwartung des üblichen Frontalunterrichts lümmeln die drei Mädchen und drei Jungen am Tisch. Doch Tanja Grübel und ihre Co-Trainerin Daniela Steidle überraschen sie mit der Frage nach ihren Zukunftswünschen: „What are your goals for the future?“ Laura will Model werden, Julian Computerspiele-Erfinder, und Franziska träumt von einer eigenen Praxis als Kinderärztin. Ein weiter Weg, wenn man wie Franziska derzeit in eine Orientierungsstufe geht. „Was musst du verbessern, damit du auf die Realschule und dann aufs Gymnasium wechseln kannst?“, erkundigt sich Tanja Grübel. „Meine Konzentration und meine Lernlust“ – Franziska weiß genau, woran es ihr fehlt. „Die Kinder brauchen ein Ziel vor Augen, um zu realisieren: Ich lerne für mich“, glaubt Grübel.


Die Revolution des Lernens? Es ist ein Experiment, das viele für einen Scherz halten: ein ganzes Jahr in sieben Tagen? Es scheint, als habe die Trainerin die Zauberformel für Lernen mit Überschallgeschwindigkeit gefunden, das Schule überflüssig macht. Doch so neu ist ihre Idee gar nicht. Sie hat sich einfach aus verschiedenen Lernformen das Beste herausgepickt und zu ihrer eigenen Methode gemixt: Gruppenarbeit, Karteikarten-Memory, dazwischen Auflockerungsspiele, visuelle und auditive Techniken aus der Suggestopädie. Letzteres ist ein teilweise umstrittenes Lernverfahren, bei dem die Kinder in einen Entspannungszustand bis kurz vor dem Einschlafen versetzt werden, um ihre Aufnahmefähigkeit zu steigern.

 
 
„Boah, das ödet mich an!“, mault Julian

In der Praxis sieht das so aus: Die Schüler ruhen sich in Liegestühlen aus. Statt der Popmusik säuseln Sphärenklänge aus den Boxen. „Boah, das ödet mich an!“, mault Julian noch, doch der einschläfernden Stimme von Tanja Grübel kann er sich nicht entziehen. Sie erzählt von einer imaginären Reise auf eine Südseeinsel, von warmem Wasser und weißem Sand. Irgendwann lauscht ihr auch Julian. Nach 20 Minuten sollen die Kinder die Augen wieder öffnen und sich auf die Vokabeln konzentrieren, die ein Beamer an die Wand projiziert. Tanja Grübel nennt das „Vokabel-Kino“ und liest mit eindringlicher Betonung eine Englischvokabel nach der anderen – mit Übersetzung und Beispielsatz: „Car . . ., Auto . . ., car . . . I love this car . . .“


Bis zu 80 Wörter können die Kinder so in einer halben Stunde aufnehmen. Danach folgt der Grammatikstoff der fünften Klasse und kleine freie Vorträge auf Englisch vor der Gruppe. Ein beachtliches Pensum. Doch der Kurs von Tanja Grübel hat einen entscheidenden Vorteil gegenüber dem traditionellen Unterricht: Sie und ihre Co-Trainerin widmen sich jeweils drei Kindern intensiv. Das ist besonders wichtig für Schüler, die mit ihren Problemen in der Klasse keine Beachtung finden. Oft sind das jedoch diejenigen, deren Eltern sich die hohen Kursgebühren nicht leisten können. Für sie bietet Tanja Grübel neuerdings das sogenannte E-Learning am PC mit Einzel-Coaching für 380 Euro an.

 

Erfolg im neuen Schuljahr

 
 „Zweimal wöchentlich Nachhilfe hat bei Johannes keine Leistungssteigerung gebracht“, resümiert seine Mutter. „Der Intensivkurs hingegen hat sein Lernverhalten verbessert.“ Plötzlich entdeckte der Gymnasiast, dass ihm das Sprachenlernen gar nicht so schwerfällt, wie er immer dachte. „Irgendwie hat es klick gemacht“, staunt Johannes. Er fieberte der ersten Schulaufgabe entgegen, wirkte plötzlich viel selbstbewusster. Und tatsächlich: Der Fünferkandidat schrieb eine Drei. Ein Ergebnis, das auch der Kontrolltest von FOCUS-SCHULE bestätigte. Eine Oberstudienrätin für Englisch hatte Johannes vor und nach dem Intensivkurs geprüft. Sogar auf seine zweite Fremdsprache, Französisch, wirkte sich sein neues Sprachgefühl aus – auch hier bekam er eine Drei. 

Am erstaunlichsten war Vanessas Fortschritt: Die Realschülerin verbesserte sich von sechs auf eins und wurde Klassenbeste. Die Investition von 1200 Euro hat sich also gelohnt – und bei zwei Stunden Nachhilfe pro Woche wäre es, aufs Jahr hochgerechnet, auch nicht billiger
gekommen.

 
 
 
 
 
 
   
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