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FOCUS-SCHULE, Heft-Nr. 05/2008 |
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Die Grundschuldebatte zieht sich |
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Wechsel nach vier oder sechs Jahren gemeinsamen Lernens? Seit Jahren wird diskutiert. Doch trotz zahlreicher Studien und eindeutiger Ergebnisse im Ausland kann man sich im föderalen Deutschland nicht einigen. Von FOCUS-SCHULE-Redakteur Volker Gieritz
 Wie lange Grundschule ist lange genug? Nur in Brandenburg, Berlin, Bremen und Hamburg gibt es die sechsjährige Grundschule. Was richtig ist, wird weiter diskutiert... Wenn es in Deutschland um Bildung geht, wird erst einmal viel geredet. Über die Verkürzung der Gymnasialzeit von neun auf acht Jahre (G8) wurde lange intensiv und emotional debattiert, obwohl das Abitur nach zwölf Jahren anderswo in Europa längst Standard ist. Als schließlich zum Schuljahr 2008/09 auch das vorletzte Bundesland die kürzere Schulzeit eingeführt hatte – in Rheinland-Pfalz gelten weiter 12,5 Jahre –, wurde es etwas ruhiger in der Bildungsdebatte. Doch die Stille währte nicht lange. Bereits vor den Sommerferien folgte der nächste Aufreger – ein Thema, über das sich Experten schon seit Jahren die Köpfe heiß reden: die verlängerte Grundschule. Während Deutschland noch darüber diskutiert, ob sie vier oder sechs Jahre dauern soll, haben sich viele europäische Nachbarn bereits für das längere gemeinsame Lernen entschieden. guten Schüler profitieren vom frühen Wechsel Die Vorlage für die Grundschuldebatte lieferte die „Element-Studie“ des Bildungsforschers Rainer Lehmann von der Berliner Humboldt-Universität. Er untersuchte darin die Lese- und Mathematikleistungen von rund 4700 Viert- bis Sechstklässlern aus der Hauptstadt. Anders als in den meisten anderen Bundesländern dauert die Grundschule schon seit Westberliner Zeiten sechs Jahre. Doch auch hier gibt es eine Ausnahme von der Regel: Gute Schüler können bereits nach der vierten Klasse auf ein Gymnasium wechseln. Rund sieben Prozent der Schüler verlassen deshalb vorzeitig die Grundschule. Bildungsforscher Lehmann verglich die Leistungen dieser Gruppe mit denen der Schüler, die auch in der fünften und sechsten Klasse an den Grundschulen bleiben. Das politisch brisante Ergebnis: Zwar lernen auch die Grundschüler in der fünften und sechsten Klasse eine Menge. Doch die guten Schüler profitieren eindeutig von einem frühen Wechsel ans Gymnasium. „Es stimmt weder, dass eine sechsjährige Grundschule, wie wir sie in Berlin haben, die leistungsstarken Schüler genauso gut fördert wie ein grundständiges Gymnasium“, konstatiert Lehmann, „noch mindert die verlängerte Grundschule die sozialen Ungleichheiten. Diese werden in den Klassenstufen fünf und sechs größer statt kleiner.“ Für diese Interpretation der Daten musste der Bildungsforscher schon viel Kritik einstecken. Uneinigkeit über einheitlichen Unterricht Durch die Studienergebnisse in seinen Vermutungen bestätigt sieht sich aber Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbands: „Die sechsjährige Grundschule bringt nichts – weder kognitiv noch sozial.“ Auch dass Staaten wie die Schweiz oder Finnland, in denen alle Kinder sechs oder mehr Jahre gemeinsam lernen und dabei zu sehr guten Leistungen kommen, ist für ihn kein Argument: „Schließlich haben Bayern, Baden-Württemberg, Thüringen und Sachsen auch international zum Teil sehr gute Pisa-Ergebnisse – und das mit einer vierjährigen Grundschule.“ Die Mehrheit der Bundesbürger sieht das genauso. In einer Forsa-Umfrage vom November 2007 gaben 63 Prozent der befragten Erwachsenen an, dass sie einen einheitlichen Unterricht für alle Schüler bis zur zehnten Klasse für falsch halten, weil die langsameren Schüler dabei über- und die schnelleren unterfordert würden. „Für die Schüler im unteren Teil des Leistungsspektrums muss etwas getan werden, keine Frage“, findet Rainer Lehmann, „aber wenn man sich anschaut, auf welchem Niveau das stattfindet, dann sind die Lernstände wenig überzeugend. Notwendiges wird erreicht, aber wenig darüber hinaus.“ Problemphase Schulübertritt Viele Fragen bleiben offen, auch wenn sich der Berliner Experte seiner Sache sicher ist. So bemängeln andere Wissenschaftler, dass die „Element-Studie“ die Situation in der Hauptstadt nicht mit der in anderen Bundesländern üblichen vierjährigen Grundschule vergleicht. Aus Untersuchungen wie den Pisa-Studien weiß man zum Beispiel, dass in Berlin und Brandenburg, wo die Grundschule sechs Jahre dauert, der Einfluss des Elternhauses auf die Schulleistung der 15-Jährigen geringer ist als in anderen Bundesländern. Das deutet darauf hin, dass die längere Grundschulzeit die Kluft zwischen sogenannten bildungsnahen und bildungsfernen Milieus ausgleicht. Die Kehrseite der Medaille: Die durchschnittlichen Schülerleistungen sind in Berlin viel schlechter als in Bayern und Sachsen. Eine Bestätigung der landläufigen Meinung, dass längere gemeinsame Grundschulzeiten zu schlechteren Leistungen führen. „Die meisten Probleme im Bildungswesen hängen an den Übergängen“, urteilt Dieter Lenzen, Präsident der Freien Universität Berlin und Vorsitzender des Aktionsrats Bildung. Er hält die ganze Diskussion um längere Grundschulzeiten aber für eine politisch motivierte Gespensterdebatte: „Es stellt sich nicht die Frage, ob man mit zehn oder zwölf Jahren ins Gymnasium kommt, sondern wie lange die gemeinsame Lernzeit grundsätzlich ist“, präzisiert er. Der Erziehungswissenschaftler plädiert für eine frühere Einschulung und eine bessere Verzahnung von Kindergarten und Grundschule. „Die Intelligenzentwicklung bei Kindern ist mit zwölf Jahren ohnehin abgeschlossen. Was bis dahin gelaufen ist, ist mehr oder weniger gelaufen“, weiß Lenzen. Wichtig sei es, das gemeinsame längere Lernen nicht nur wegen des sozialpolitischen Effekts zu betreiben. Die zusätzlichen Jahre müssten auch für die Kinder sinnvoll genutzt werden. An der Grundschule würde oft nicht das beurteilt, was später für die weiterführende Schule wichtig ist. Doch dafür brauche man auch das entsprechend ausgebildete Personal. Hamburg setzt auf mehr Verzahnung Christa Goetsch (GAL), Bildungssenatorin der schwarz-grünen Regierung, plant zum Schuljahr 2010/11 eine grundlegende Änderung des Schulsystems. „Wir wollen aus den Erfahrungen in Berlin lernen und verlängern die Grundschulzeit nicht einfach um zwei Jahre. In Hamburg entsteht eine neue Schulform, in der leistungsschwache sowie leistungsstarke Schüler nach ihren Talenten gefördert werden“, kündigte Goetsch im FOCUS-SCHULE-Interview (Heft 4/08) an. Dazu sollen in den sogenannten Primarschulen Fachlehrer, etwa vom Gymnasium, in den Klassenstufen vier bis sechs eingesetzt werden. Nach der sechsten Klasse können die Schüler dann auf ein Gymnasium oder auf die neue „Stadtteilschule“ wechseln, die künftig Haupt-, Real- und Gesamtschulen in der Hansestadt ersetzt. Beide Formen können zum Abitur führen. Bildungsforscher Lehmann sieht das erwartungsgemäß kritisch: „Ich habe die Befürchtung, dass die Unterteilung der sechsjährigen Grundschule in Hamburg in zwei Stockwerke – also in drei Eingangsjahre und die Klassenstufen vier bis sechs – dazu führt, dass die Entscheidung, auf welche weiterführende Schule das Kind nach der Grundschule geht, nicht weiter nach hinten, sondern ans Ende der dritten Klasse vorverlegt wird.“ Bei aller Kritik – Berlin, Brandenburg und Hamburg haben sich immerhin dem europäischen Bildungsstandard vom längeren gemeinsamen Lernen angenähert. Ob und wann die 13 anderen Bundesländer nachziehen, bleibt offen. Es könnte dauern. Schließlich hat sich das wiedervereinte Deutschland auch bei der (fast) landesweiten Einführung des G8 rund 20 Jahre Zeit gelassen. Schlagwörter: Baden-Württemberg Bayern Berlin Brandenburg Bundesland Deutschland Europa Finnland Freien Universität Berlin Grundschule Gymnasium Hamburg Kinder Klasse Dieter Lenzen Pisa Regierung Rheinland-Pfalz Sachsen Schüler Schweiz Standard Thüringen |
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