Schulkompass Focus
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FOCUS-SCHULE, Heft-Nr. 02/2008
Eltern als Hilfslehrer
„Wie geht euch das eigentlich mit dem G8?", fragt Ellen Nieswiodek-Martin aus Hessen. Ihre Zwillingsmädchen haben gerade auf das Gymnasium gewechselt. Wie eine Mutter den Familienstress mit zwei G8-Schülerinnen erlebt
Protokolliert von FOCUS-SCHULE-Autorin Anke Helle 
 
 

Genervte Mütter, gestresste Kinder – Abitur nach 12 Jahren ist für viele Familien ein Albtraum 
 
 
 
Normalerweise sprudeln meine Töchter mittags alle Neuigkeiten des Schulalltags heraus, sobald ich ihnen die Tür öffne. Heute nicht. Heute stapft die zwölfjährige Dana still an mir vorbei und knallt den Ranzen auf den Boden. „Ich geh auf die Realschule.“ „Warum das denn?“, frage ich. Dana hat sich auf die Couch im Wohnzimmer geworfen. „Sie hat eine Fünf in Englisch“, klärt Sirka, Danas Zwillingsschwester, mich auf. Sie besucht die Parallelklasse. Ich nehme Dana in den Arm. „Ich konnte das Futur mit dem 'going to' nicht“, nuschelt es aus meinem Pullover. „Das hatten wir erst zwei Tage vor der Arbeit, ich wusste einfach nicht mehr, wie's geht.“ Mich beschleicht ein schlechtes Gewissen: Mist, das haben wir nicht gelernt. An den beiden Tagen vor Danas Arbeit habe ich mit Sirka Französisch geübt. Dana hatte gemeint, dass sie allein klarkommt.
 
 
Hausaufgaben statt Winterstiefel
 
Ich fühle mich schlecht. Während des Mittagessens reden wir und planen den Nachmittag. „Denkt dran, nachher wollten wir Winterstiefel kaufen gehen“, erinnere ich. „Nein Mama, auf keinen Fall. Wir haben so viel auf, ich schaffe das nicht: Englisch, Mathe, Deutsch, für Erdkunde muss ich eine Collage machen und für Physik im Internet was raussuchen. Am Mittwoch schreiben wir einen Vokabeltest, und außerdem will ich nachher mit Papa für die Mathe-Arbeit üben.“ In Danas Stimme schwingt Panik mit. Ich erkenne die Signale und beiße mir lieber auf die Zunge.
 
Obwohl ich schon drei ältere Kinder durch die Schule begleitet habe, fühle ich mich angesichts dieses Drucks ratlos.
 
 
der ältere Bruder hatte noch Zeit
 
Meine Gedanken wandern zur Schulzeit meines ältesten Sohnes. Benedikt hat vergangenes Jahr Abitur gemacht. Als er im Alter von Dana und Sirka war, blieb ihm genug Zeit, um sich mit Freunden zu treffen, ins Schwimmbad zu gehen — oder um Schuhe zu kaufen. Klar, es gab auch bei ihm Phasen, in denen er viel lernen musste, aber die waren kurz. Er hatte Zeit, um einfach Kind zu sein.
 
Zwei Tage später sitze ich beim Elternabend der sechsten Klasse. Wir erfahren, dass wir mit unseren Kindern schriftliche Französisch-Vokabeltests durchführen sollten, dass es dringend nötig sei, für Englisch unregelmäßige Verben und für Mathe Kopf- und Bruchrechnen zu üben. Durchaus nette junge Lehrer erklären uns, wie wichtig es sei, dass die Kinder im Unterricht gut mitarbeiten, zu Hause den Unterrichtsstoff wiederholen und jederzeit vorbereitet sind auf schriftliche Hausaufgabenkontrollen. Mein Kopf beginnt zu schmerzen. Kein Wunder, dass die Kinder in letzter Zeit so oft über Kopfschmerzen klagen — bei dem Stress, denke ich. Gerade erklärt die Englischlehrerin, dass im Unterricht kaum Zeit bleibe, um den Stoff zu vertiefen oder zu wiederholen. „Das muss selbstständig zu Hause laufen — wir müssen schließlich den Lehrplan schaffen.“
 
 
G8 wird zum Familienstress
 
Als wir beim Punkt „Verschiedenes“ angekommen sind, fragt die Mutter von Alexandra in die Runde: „Wie geht euch das eigentlich mit dem G8? Also wir sind total entnervt, unser ganzes Familienleben hat sich in einen Riesenstress verwandelt.“ Mit diesen Worten hat sie eine Lawine losgetreten. Es ist, als öffneten sich 29 bisher versteckte Schleusen. Viele Eltern sind froh, einmal über den täglichen Kampf mit unregelmäßigen Verben, Bruchrechnen oder deutscher Grammatik und Französischvokabeln reden zu können.
 
Zwischen den Eltern entsteht ein reger Austausch darüber, wie man am besten welches Fach mit den Kindern übt und welche Materialien sich bewährt haben. Ich will eigentlich nach Hause, hoffe aber, dass ich noch hilfreiche Tipps bekomme, und bleibe. Einige Eltern sagen gar nichts. Bis dann ein Vater herausplatzt: „Ich muss den ganzen Tag arbeiten und kann Svenja nicht helfen. Ich habe dem Kind gesagt: ,Du musst allein klarkommen. Ich habe meinen Beruf, und die Schule ist dein Beruf.'“ Nun erzählen noch mehr Eltern, dass sie es aus zeitlichen oder beruflichen Gründen nicht schaffen, mit den Kindern zu lernen.
 
 
arbeitende Eltern können keine Hilfslehrer werden
 
Vor Kurzem hat mein Arbeitgeber angefragt, ob ich nicht meine Stundenzahl erhöhen könnte. Es sei ein schlechter Zeitpunkt, habe ich bedauernd geantwortet und ihn auf die Zeit vertröstet, wenn die Kinder älter sind. So habe ich mir das Familienleben jenseits der Kleinkinderzeit nicht vorgestellt.
 
Ich will nicht als Hilfslehrerin ausbaden, was ein paar Politiker durch überstürzte Entscheidungen falsch gemacht haben.
 
 
Ein Tag ohne Schule – das ist wichtig
 
„Wahrscheinlich machen die Kinder nachmittags zu viel“, meinte mein Mann. „Vielleicht sollten sie aufhören zu voltigieren.“ Voltigieren „kostet“ einen halben Nachmittag, ist aber die einzige Zeit, in der die Kinder sich austoben können. Eine halbe Stunde pro Woche dauert der Klavierunterricht. Sollten sie das opfern — nur um früher Abitur zu haben? Um im europäischen Vergleich gut dazustehen?
 
Nein, immer klarer wird uns, dass dies nicht der Weg ist, auf den wir die Kinder schicken wollen. Zum Lernen gehört mehr als stures Pauken und das Ansammeln von theoretischem Wissen. Durch Sport, Musik und das Treffen mit Freunden lernen sie andere Dinge — und finden den nötigen Ausgleich. Am vergangenen Wochenende haben wir einen Familienausflug ins Schwimmbad gemacht. Ein ganzer Tag, ohne zu lernen, ohne Gespräche über Schule. Das hat gut getan. Und nächste Woche gehen wir in die Kletterhalle.
 
 
 
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